Willy Brandt und Spanien

1937 reist Willy Brandt nach Barcelona, um Verbindung zu den Republikanern im
Spanischen Bürgerkrieg aufzunehmen. Er erlebt die Kämpfe des Bürgerkriegs
aus nächster Nähe und beobachtet deren Grausamkeiten. “Ich fand
bestätigt, dass der Krieg die Bestie im Menschen herauslockt”, schreibt
er später über dies Zeit.

„Willy Brandt und Spanien“
von
Bernd Rother1)

So viel Zuneigung wie gegenüber Norwegen und Schweden brachte Willy Brandt sonst nur noch Spanien entgegen. Das begann bereits sehr früh. In „Links und frei“ erinnert sich Brandt, wie im April 1931 auf einer langweiligen Versammlung von Sozialdemokraten in seiner Geburtsstadt Lübeck an der Ostsee die soeben vernommene Nachricht vom Sturz der Monarchie und der Ausrufung der Republik spontanen Jubel unter den Teilnehmern der Sitzung auslöste. Der Aufstand der Minenarbeiter Asturiens 1934 bewirkte bei Brandt und seinen Freunden ähnlich große Begeisterung.

Der junge 20-jährige Revolutionär lebte damals bereits in Oslo. Ein Jahr zuvor hatte er vor dem Terror der Nazis fliehen müssen. Dabei musste er seinen Namen ändern, aus Herbert Frahm wurde Willy Brandt.

Anfang Februar 1937 schickte seine Partei, die kleine Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands, 1931 in Abspaltung von der SPD gegründet, den 23-jährigen Willy Brandt nach Barcelona. Sein Französisch war gut, Grundkenntnisse in Spanisch hatte er sich an der Schule in zwei Jahren angeeignet, auch ein Grund ihn nach Spanien zu schicken. Dort sollte er die Beziehungen zu der marxistischen Arbeiterpartei POUM 2) verbessern. Vorrangig bestand seine Aufgabe darin, die Genossen von der Volksfrontstrategie, also einer Strategie des Zusammengehens der linken Parteien mit fortschrittlichen Bürgerlichen, zu überzeugen. Der POUM sträubte sich dagegen. In Spanien trat Brandt gleichzeitig als Repräsentant seiner Partei innerhalb des „Internationalen Büros revolutionärer Jugendorganisationen“ auf.

Die ersten Eindrücke von Spanien desillusionierten Willy Brandt. In seinem Zug reiste eine Gruppe republikfreundlicher Katholiken aus Belgien mit. Der sie betreuende Reiseleiter musste enorme Mühen aufbringen, um die Aufmerksamkeit seiner Gruppe von den durch Linksextremisten zerstörten christlichen Symbolen auf die Schönheit der Landschaft Kataloniens zu lenken. Brandt erreichte Barcelona spät. Ein in der Nähe des Hotels gelegenes kollektiviertes Restaurant bot nur Wein und Oliven an. Den jungen deutsch-norwegischen Sozialisten erwarteten weitere Überraschungen: Die Straßenkämpfe zwischen verfeindeten linken Gruppen im Mai 1937 in Barcelona wurden regelmäßig unterbrochen: Eine Pause zwischen 12 und 2 Uhr nachmittags wurde strikt eingehalten. Beide Seiten begaben sich zum Essen. Nebenbei bemerkt ist dies ein Beweis, dass die spanische Sitte zwischen zwei bis vier Uhr nachmittags zu essen, erst jüngeren Datums ist.

In Barcelona nächtigte er im Hotel „Falcón“. Zufällig traf er dort den englischen Schriftsteller George Orwell. Brandt hielt sich bis Juni 1937 in Katalonien auf. Mitte März besuchte er deutsche Freunde, die als Interbrigadisten an der Aragon-Front in der Nähe von Huesca kämpften. Deutsche Faschisten der „Legion Condor“ bombardierten dort republikanische Streitkräfte. Brandt wurde Zeuge, als Orwell bei den Angriffen auf das „Irrenhaus“, wie man das damals nannte, von einer Gewehrkugel verletzt wurde.

Zurück in Barcelona beobachtete Brandt zunehmende Spannungen zwischen der POUM und der CNT 3), der anarcho-syndikalistischen Gewerkschaft, auf der einen Seite und der PSUC 4), den Kommunisten, auf der anderen Seite. Am 3. Mai 1937 entluden sich die Konflikte gewaltsam. Nach dreitägigen Straßenkämpfen in Barcelona akzeptierten POUM und CNT einen Waffenstillstand. In den folgenden Wochen verstärkten die Kommunisten (genauer, die Stalinisten der PSUC und die Agenten des sowjetischen Geheimdienstes) die Verfolgung von POUM-Mitgliedern und Anarchisten. In kurzer Zeit wurden viele von ihnen inhaftiert, einige verschwanden für immer, unter ihnen Mark Rein, einer der besten Freunde Brandts. Auch Willy Brandt war dem Risiko einer Verhaftung durch die Kommunisten ausgesetzt. Seine Partei war mit der POUM verbündet. Brandt musste sich außerhalb Barcelonas in Wohnungen von Freunden verstecken, aber dies konnte keine Lösung auf Dauer sein. Deswegen verließ er die Stadt und Spanien im Juni 1937.

Kritisch äußerte sich Brandt auch zum Verhalten der POUM. Die Mehrheit in der Partei war gegen die Strategie der Volksfront, da dies den Willen zur Bildung von Allianzen mit fortschrittlichen bürgerlichen Kräften einschloss. POUM wie Anarchisten verkündeten die „Revolution innerhalb der Revolution“, was sowohl Enteignung von Unternehmen und Großgrundbesitz als auch das Verbrennen von Kirchen und Klöstern bedeutete, für den jungen Willy Brandt ein strategischer Fehler. Seiner Meinung nach war die vordringlichste Aufgabe, die Putschisten zu besiegen, und dafür war es nötig, alle antifranquistischen Kräfte von katholischen Basken bis zu andalusischen Anarchisten zu bündeln. Kurz: Die Volksfront war eine Notwendigkeit. Den POUM zur Annahme dieser Überzeugung zu bewegen, dies war einer der Gründe für Brandts Aufenthalt in Barcelona.

Brandt befasste sich in seiner Autobiographie von 1982 über mehr als vierzig Seiten mit Spanien, davon befassen sich allein acht Seiten mit dem Anarcho-Syndikalismus. Für heutige Leser (und auch für die des Jahres 1982) sind dort überraschende Aussagen zu finden. Man spürte Brandts Sympathie mit den Anarchisten, soweit sie auf Anwendung terroristischer Methoden verzichteten. Faszinierend am spanischen Anarchismus war für ihn die Bedeutung der Idee der Freiheit und des Kampfes gegen den Bürokratismus in der Arbeiterbewegung. Brandt bewunderte Mut und Moral der Anarchisten. Dass die Idee des Anarchismus nicht in die Wirklichkeit umzusetzen war, darüber war Brandt sich im Klaren. Bemerkenswert für ihn war, mit welchem Pragmatismus die Anhänger der CNT im Verlauf des Bürgerkrieges vorgingen, einschließlich der Bereitschaft, Regierungsverantwortung übernehmen zu wollen, letzteres eigentlich für Anarchisten undenkbar.

Zwei grundsätzliche Dinge lernte Brandt in Spanien für sein zukünftiges politisches Leben:

  • Den Wert der Freiheit. Sowohl von rechter wie von linker Seite war die Freiheit Gefahren ausgesetzt. Angriffe der extremen Rechten, der Nazis, kannte Brandt seit den 30-er Jahren. Neu für ihn war die Bedrohung der Meinungs- und Handlungsfreiheit   von linken Gruppierungen durch Stalinisten des PSUC und der Geheimdienstler der Sowjetunion. Barcelona legte die Grundlagen für Willy Brandts Antistalinismus.
  • Sektiererische Positionen sind zu bekämpfen. Die Auseinandersetzungen zwischen  den linken Strömungen bewirkten nichts. Allein die Anhänger Francos zogen Nutzen           daraus. Größter Revolutionär ist nicht der, der unnachgiebig seine ideologische  Unbeflecktheit vertritt, sondern derjenige, der realistische Strategien anwendet, mit  denen er die Schlachten gewinnen kann.

Nach fast vierzig Jahren kehrte Willy Brandt nach Spanien zurück. Bereits als Außenminister zwischen 1966 und 1969 und danach als Kanzler der Bundesrepublik Deutschland bis 1974 musste er eine Politik hinsichtlich des Umgangs mit der Franco-Diktatur und den Annäherungswünschen Spaniens an die Europäische Union entwickeln. Jedenfalls nutzte er verschiedene Gelegenheiten, sich von der Diktatur zu distanzieren. Den 1968 turnusmäßig anstehenden Besuch in Madrid im Rahmen der üblichen deutsch-spanischen Regierungskonsultationen unternahm er nicht. Einer der für diese Entscheidung maßgebenden Gründe war die Ankündigung in der Franco-Presse, Brandt würde an den Gesprächen teilnehmen und damit wäre zum ersten Mal der Chef einer sozialistischen Partei zu Besuch in Madrid. Der Protest des Exil-PSOE 5) führte ebenfalls zum Verzicht des Besuchs. Ein zusätzlich öffentlich wirksames Signal der Ablehnung der Diktatur war Brandts Weigerung, entgegen aller diplomatischen Gepflogenheiten, Bundeskanzler Kiesinger bei seinem Madrid-Besuch im Oktober 1968 zu begleiten.

Das Verhältnis zwischen Willy Brandt und den spanischen Sozialisten war aber nicht  reibungsfrei. Der Exil-PSOE hatte sich für die Strategie einer internationalen Isolierung des Franco-Regimes entschieden. Deshalb gefiel ihr Brandts Absage des Besuches in Madrid. Aber so wie im Umgang mit den osteuropäischen Ländern war Brandt auch im Fall Spanien der Überzeugung, dass eine internationale Isolierung des Regimes nur bereits vorhandene Strukturen verfestigen würde. Um die Politik in Richtung der Gewährung größerer Freiheiten zu lenken, wäre es besser, man würde das Maximum an möglichen Kontakten zur anderen Seite halten. Eine Strategie des „kommunikativen Einwirkens“ – so bezeichnete Brandt selbst das Projekt – würde die Diktatur jedem möglichen von außen stammenden Einfluss aussetzen.

Zwei Überlegungen begründeten diese Haltung:

  • Das demokratische Modell ist jeder Diktatur überlegen. Vom Volk ist es stärker legitimiert und außerdem kann Demokratie größeren Wohlstand generieren.
  •  Je moderner eine Gesellschaft, desto eher neigt sie zu einem demokratischen Modell.

Mit anderen Worten: Nicht Demokratien sollten internationalen gesellschaftlichen Austausch fürchten, vielmehr sollten dies Diktaturen tun. Und: Hilfe zur wirtschaftlichen Entwicklung einer Gesellschaft stützt demokratische Kräfte, verstärkt den Wunsch eines Volkes, die Diktatur zu beenden.

Diese Vision stand im völligen Gegensatz zur Strategie der alten Führung der PSOE 5), angeführt von Rudolfo Llopis. Ergebnis war der Bruch zwischen der SPD und der Exil-PSOE. Aber parallel zur zunehmenden Entfremdung beider Parteien war innerhalb der PSOE eine neue Strömung zu beobachten, die zunehmend an Einfluss gewann. Felipe González und Alfonso Guerra gaben der Partei eine grundsätzlich neue Ausrichtung. Mit dem Führungswechsel in der Partei durch die Wahl von González zum Generalsekretär auf dem Kongress 1974 in Suresnes, nahe Paris, bot sich die Möglichkeit, die gegenseitigen Beziehungen auf eine neue Grundlage zu stellen.

Die Freundschaft zwischen Willy Brandt, dem bereits über 60-jährigen Friedensnobelpreisträger, und dem um dreißig Jahre jüngeren Felipe González war der Grundstein für die Wiederannäherung deutscher Sozialdemokraten und spanischer Sozialisten. Zwischen beiden entstand eine Art Vater-Sohn-Beziehung, wie es Jahre später González nannte. Über keinen anderen internationalen Politiker sprach Brandt so positiv wie über González, nicht einmal über Olof Palme. Dieter Koniecki, jahrzehntelang Vertreter der Friedrich-Ebert-Stiftung in Madrid, berichtet, wie Brandt 1975 bemerkte: „Endlich ein spanischer Politiker, der nicht ständig konspiriert und einen vor allen anderen außer vor sich selbst warnt. […] So einen Spanier hätte [ich] mir in den 30-er Jahren als Partner gewünscht. Felipe González ist absolut konstruktiv, ohne Ressentiments und zukunftsorientiert“ 6). Andererseits gelang es Willy Brandt nie, Felipes Nachnamen korrekt zu schreiben.

Felipe González erinnert sich daran, dass Brandt den spanischen Sozialisten niemals Vorschriften erteilte, wie sie beim Übergang vom Franco-Regime zur Demokratie, der „transición“, vorzugehen hatten. Die Unterlagen in den Archiven zeichnen ein anderes Bild. Im Oktober 1977 z. B. berichtete Adolfo Suárez, damaliger Regierungschef Spaniens, gegenüber Brandt, dass ihm jedes Mal, wenn González aus dem Ausland zurückkam und im Besonderen aus Deutschland, auffiel, wieviel vernünftiger und dialogbereiter sich dann der PSOE-Chef für einige Zeit verhielt. Die Regierung, so Suárez weiter, freute sich über die Bemühungen der SPD und ihres Vorsitzenden, die spanischen Genossen zu einer gemäßigten Vorgehensweise während des Übergangs zu bewegen.

In einem wichtigen Punkt unterschieden sich deutsche Sozialdemokraten und spanische Sozialisten: Ab 1974 optierten González und seine Partei für einen politischen Neustart mit radikalem Systemwechsel. In keinem Fall sollten Franco-belastete Strukturen den Demokratisierungsprozess einleiten. Im Gegenteil: Mit der Forderung nach Einberufung einer Verfassunggebenden Versammlung sollte der Beginn des Übergangs eingeläutet werden. Dagegen war Brandt der Meinung, den Wechsel in kleinen Schritten anzugehen; dies wäre wirklichkeitsnäher und damit sicher erfolgversprechender. Bereits einen Monat nach Francos Tod richtete Brandt an die neue Regierung die Bitte, doch umgehend mit den politischen Veränderungen zu beginnen. Eindeutig sprach er sich für die Zulassung der kommunistischen Partei zusammen mit der PSOE und anderen Parteien aus. Er unterstützte den Weg, den Juan Carlos und Suárez ab 1976 mit ihrer Politik beim Aufbau der Demokratie eingeschlagen hatten: Übereinkünfte zwischen den Franquisten und der Opposition über kleine Schritte in Richtung demokratischer Strukturen statt eines plötzlichen Bruchs.

Willy Brandt empfahl seinen Genossen der PSOE, nicht auf einem Bruch zu bestehen, vielmehr sollte die allmählich beginnende Dynamik ausgenutzt werden. Als klar wurde, dass Suárez tatsächlich zur Abschaffung der Diktatur von innen heraus bereit war, übernahm auch der PSOE diese Strategie.

Unterschiedlicher politischer Auffassung waren PSOE und deutsche Sozialdemokraten auch in einem anderen Fall. Die SPD wollte den Zusammenschluss aller demokratischen Kräfte der Linken. Nur so glaubte man, gegen die Eurokommunisten von Santiago Carrillo gewinnen zu können, die, so schien es momentan, den PSOE übertreffen könnten. Aus dem Grund übte die SPD Druck auf den PSOE aus, sich mit kleinen sozialdemokratischen Gruppen wie z. B. dem PSP 7) von Tierno Galván zu verständigen. Die SPD zweifelte dabei aber niemals an der Anerkennung des PSOE als wichtigster und rechtmäßiger Stimme innerhalb des spanischen Sozialismus, wünschte aber trotzdem die Bildung einer geeinten demokratischen Linken. Eine Vorstellung, welche dem Anspruch des PSOE, in Spanien als einzig legitime Kraft innerhalb des demokratischen Sozialismus zu gelten, widersprach. 1974 war das nicht so klar, wie es uns heute erscheinen mag: 1974 hatte der PSP von Tierno Galván 1000 Parteimitglieder, im PSOE waren 2500. Die gegenseitige Annäherung gestaltete sich schwierig, letztendlich gelang sie aber.

Seit Felipe González die Parteiführung übernommen hatte, war eine erhebliche Verbesserung der Beziehungen zwischen SPD und PSOE erkennbar. Gleichzeitig verschlechterte sich die Zusammenarbeit zwischen der PSOE und den französischen Sozialisten. Mitterrand und seine Genossen hatten den PSP von Tierno Galván und die Kommunisten von Santiago Carrillo als Gesprächspartner bevorzugt. Warum? Galváns PSP und die französischen Sozialisten verfolgten die gleiche Strategie, eine Strategie, die auf eine Koalition der Linken mit den Kommunisten abzielte. Und die kommunistische Partei Spaniens war in dieser Zeit stark eurokommunistisch eingestellt, sehr kritisch gegenüber Moskau und diente damit Mitterrand als Folie bei seinen Streitigkeiten mit den französischen Kommunisten.

Für die Innenpolitik Frankreichs war Mitterrands Strategie wohlüberlegt, sie schwächte aber die traditionelle Freundschaft zwischen PSOE und Parti Socialiste. Über Jahre, bis in die 80-er hinein, belasteten die Auswirkungen dieses Konflikts die Beziehungen zwischen Frankreich und Spanien, im Besonderen in den ersten Jahren der Präsidentschaften von González und Mitterrand. 1983 kommentierte González gegenüber dem französischen Journalisten Jean Daniel: „Ich möchte Mitterrand daran erinnern, wie er es über Jahre hinweg tolerierte, dass die französischen Sozialisten dem Kommunisten Santiago Carrillo mir gegenüber den Vorzug gaben. Wessen Schuld ist es also, wenn die Deutschen in meinem Umfeld mehr Einfluss haben als die Franzosen? Ohne Willy Brandt wäre ich nicht an der Stelle, wo ich jetzt bin“ 8).

Dieter Koniecki, Vertreter der FES und einer der besten Kenner innerspanischer Politik, war bereits 1976 davon überzeugt, dass der Einfluss von SPD und Willy Brandt sehr wichtig für González in seiner Entwicklung als starker Generalsekretär des PSOE war. Der Mehrheit in den Landesverbänden des PSOE war Felipe González 1974 ziemlich unbekannt, so Koniecki. Damit González seine bereits 1976 unumstrittene Position erreichen konnte, waren u. a. sein rhetorisches Talent, sein Charisma und sein Verhandlungsgeschick entscheidend. Für ihn war auch der internationale Rückhalt hilfreich, der ihm auf dem Kongress der SPD von 1975 von wichtigen internationalen sozialdemokratischen Parteien gewährt wurde. Letztendlich führte diese Unterstützung dazu, dass Felipe González über die Grenzen hinaus ein Politiker ersten Ranges wurde. Auch Willy Brandt half, den Generalsekretär des PSOE in internationale politische Kreise einzuführen.

Externe Unterstützung zu erhalten, bedeutete für den PSOE, Ratschläge anzunehmen, praktische Hilfestellung zu akzeptieren und auch, in der Öffentlichkeit als Bruderpartei der SPD usw. zu erscheinen. Wer eine Gesellschaft wie in Deutschland oder Österreich und den skandinavischen Ländern wollte, der musste den PSOE wählen – dies war die Botschaft. In einem Land mit hunderttausenden Arbeitsemigranten wie Spanien konnte dies eine entscheidende Rolle spielen. Die Erzählungen der Auswanderer, die Resonanz in den Medien wie z. B. das Erscheinungsbild von Millionen Touristen, all dies ließ den Spaniern bewusst werden, zu welch höherem Lebensstandard im Vergleich zu ihrem Land sozialdemokratische Regierungen ihrer Bevölkerung verholfen hatten. Die sozialdemokratisch geführten Länder waren für viele die Beispiele, denen man folgen sollte.

Für viele Spanier gehörte Willy Brandt zu den angesehensten Politikern. Dazu ein Beispiel: Als man im Oktober 1977 den König über den anstehenden Besuch Brandts in Madrid unterrichtete, wandte sich Juan Carlos an den deutschen Botschafter mit der Mitteilung, es würde ihm sehr gefallen, sollte ein Treffen mit Willy Brandt machbar sein. Es war nicht Brandt, der eine persönliche Begegnung erbat, im Gegenteil, es war der König selbst, der eine Gesprächsanfrage an den Friedensnobelpreisträger richtete. Willy Brandt andererseits, ein Mensch, der normalerweise keine Emotionen zeigte, ließ im Fall Spanien durchblicken, wie sehr ihn das Land berührte. Auf dem ersten Kongress der PSOE nach dem Bürgerkrieg hielt Brandt seine Rede vollständig auf Spanisch, ohne die Sprache seit 1937 gesprochen zu haben. Seinen Vortrag begann er mit der Aussage, sollte es für einen guten Politiker unerlässlich sein, seine Emotionen zu verbergen, dann würde er in diesem Moment darauf verzichten, ein guter Politiker zu sein. Damit wollte er seiner Freude Ausdruck darüber verleihen, dass der PSOE endlich öffentlich auftreten konnte.

In den Folgejahren beobachtete Brandt, wie Spanien den politischen Übergang gestaltete. Anfang des Jahres 1977 wagte er, ein erstes Resümee zu ziehen: „Ich bin beeindruckt. Denn es ist das erste Mal, dass eine Diktatur auf diese Weise abgelöst wird ‑ nicht durch eine Revolution, sondern durch den Versuch, den bisher doch wohl überwiegend erfolgreichen Versuch, graduell, also schrittweise und friedlich eine Diktatur oder ein autokratisches Regime in ein demokratisches umzuwandeln. Ich war beeindruckt durch die Reife derer, die auf der sozialdemokratischen oder, wie wir sagen, demokratisch‑sozialistischen Seite Verantwortung tragen, aber auch durch die Reife mancher derer, die für die jetzige Regierung sprechen.“ 9).

Brandt beabsichtigte niemals, das demokratische Modell zu exportieren, aber sicher wollte er den demokratischen Kräften Hilfestellung geben, auch nachdem die Diktatur bereits besiegt war. Ihn störte es, dass von Seiten der Vereinigten Staaten keine vergleichbare Unterstützung gekommen war. Henry Kissinger verhielt sich gleichgültig gegenüber dem Konflikt zwischen Sozialisten und Kommunisten in Portugal. Der Sieg von Sozialisten und demokratischen Kräften im Nachbarland Spaniens war hauptsächlich auf das Engagement der europäischen Sozialdemokraten zurückzuführen. Auch in Hinsicht auf die spanische Demokratie zeigten die Vereinigten Staaten Gleichgültigkeit. Den Putschversuch von Tejero im Februar 1981 bezeichnete der amerikanische Außenminister Alexander Haig als innerstaatlichen Vorgang. Damit gab man jedem Putschisten einen Blankoscheck.

Für Willy Brandt war der Eintritt Spaniens, wie der Griechenlands und Portugals, in die Europäische Gemeinschaft ein entscheidender Schritt zur Festigung der jungen Demokratie. Seine eigenen, aus den 20-er und 30-er Jahren stammenden Erfahrungen lehrten ihn, wie wichtig eine stabile Wirtschaft für eine erfolgreiche Demokratisierung einer Gesellschaft ist. Aus diesem Grund setzte er sich ständig für eine europäische Perspektive Spaniens ein. Darin unterschied er sich von Ansichten auf der Linken, die die Europäische Union als kapitalistisches Instrument zurückwiesen.

Aber der Beitrittswunsch Spaniens in die Europäische Union war für das Land nicht so einfach zu realisieren. Frankreich stellte eine Reihe von Bedingungen, und das änderte sich auch nicht mit der Ankunft Mitterrands als Präsident im Elysée-Palast. Nicht Frankreich, sondern Deutschland war es, das Spanien während der langen Verhandlungen in Brüssel größte Unterstützung anbot. Es ist bekannt, dass die Christdemokraten von Helmut Kohl und die Sozialdemokraten von Willy Brandt in diesem Punkt einer Meinung waren. Gegenüber dem deutschen Verhalten zeigte sich Felipe González dankbar, als er 1989 als einziger Regierungschef innerhalb der EU Deutschlands Wunsch auf Einheit ohne Vorbehalte unterstützte.

Willy Brandts Hilfestellungen beim Aufbau der spanischen Demokratie (und ebenso in Griechenland und Portugal) war Teil seiner Strategie der „Europäisierung Europas“. Ziel war, alle Demokratien Europas in der EU zusammenzuführen, es war der Beginn der Globalisierung der Sozialdemokratie ab Mitte der 70-Jahre.

Der Moment für eine internationale Offensive der Sozialdemokratie war günstig. Nach dem Scheitern in Vietnam und inmitten wirtschaftlicher Krisenzeiten hatten die Vereinigten Staaten ihre Fähigkeit zur Kontrolle der Weltpolitik verloren. Die Sowjetunion besaß auch nicht mehr den unbestrittenen Führungsanspruch in der kommunistischen Welt. Maoismus und Eurokommunismus schwächten die einstige eiserne Kontrolle Moskaus über die kommunistische Bewegung. Viele Länder der Dritten Welt, im Besonderen die Länder Lateinamerikas, suchten neue Verbündete, um sich von der Hegemonie der Supermächte zu emanzipieren. Als Präsident der Sozialistischen Internationale wusste Willy Brandt den günstigen Zeitpunkt zu nutzen. Für den Erfolg seiner Strategie war die Wiederauferstehung des spanischen Sozialismus sehr wichtig. In wenigen Jahren wandelte sich die vormals illegale Partei mit einigen Tausenden aktiver Mitglieder zu einer der einflussreichsten Kräfte in der internationalen Sozialdemokratie. Bereits 1980, vier Jahre nach Tolerierung des ersten nationalen Parteitags der PSOE durch die postfranquistischen Behörden, war Madrid der Ort, an dem die Internationale ihren alle zwei Jahre stattfindenden Kongress abhielt. Und ohne den PSOE wäre die Ausdehnung der Sozialistischen Internationale nach Lateinamerika nicht möglich gewesen. Die Sozialisten Portugals und der PSOE waren die Brücke zu den fortschrittlichen Kräften auf dem amerikanischen Subkontinent, die ihre Beziehungen zu Europa vertiefen oder gar der Sozialistischen Internationale beitreten wollten. Innerhalb der Internationale wandelte sich Felipe González zu einem der engsten Mitstreiter Willy Brandts, gemeinsam mit Olof Palme und Bruno Kreisky. Als Willy Brandt im Jahr 1991 seinen Rückzug von der Präsidentschaft der Internationale ankündigte, wollte er Felipe González davon überzeugen, ihm an der Spitze der Internationale nachzufolgen.

Es war Felipe González, der im Oktober 1992 in Berlin die Hauptrede beim Staatsbegräbnis für Willy Brandt hielt. Es war eine bewegende Rede, das beste Beispiel für die enge Beziehung Willy Brandts zu Spanien, eine Rede mit den Schlussworten „Adiós, amigo Willy Brandt“ 10).

Anmerkungen:

  1. Bernd Rother ist Historiker und stellvertretender Geschäftsführer der Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung. Der Text wurde am 03.2014 in Saragossa vorgestellt. Tagungstitel war Willy Brandt in seinem Jahrhundert. Die deutsche Spur in Aragonien. Veranstalter der Konferenz waren die Stiftung María Dominguez und die Friedrich-Ebert-Stiftung in Madrid. Spanischer Originaltext im Internet: Willy Brandt y España – Friedrich- Ebert-Stiftung. Hinzufügung der Anmerkungen 2) – 10) im vorliegenden Text durch den Übersetzer.
  2. POUM: Partido Obrero de Unificación Marxista (Arbeiterpartei der marxistischen Einheit). Eine von Moskau unabhängige kommunistische Partei. 
  3. CNT: Confederación Nacionál de Trabajo. Ein Verbündeter der Volksfront; sie war die Gewerkschaft der Anarcho-Syndikalisten.
  4. PSUC: Partit Socialista Unificat de Catalunya. Ein Zusammenschluss von Kommunisten und Sozialisten in Katalonien, in dem die Kommunisten dominierten.
  5. PSOE: Partido Socialista Obrero de España (Sozialistische Arbeiterpartei Spaniens).
  6. Bernd Rother, Willy Brandt und die Demokratie in Europa: das Beispiel Spaniens, in: Andreas Wilkens (Hg.), Wir sind auf dem richtigen Willy Brandt und die europäische Einigung. Bonn 2010, S. 401 – 412, hier S. 404.
  7. PSP: Partido Socialista Popular. 1968 von Galván gegründet, erhielt bei den Wahlen 1977 sechs Abgeordnetensitze, 1978 in den PSOE integriert.
  8. El País, Dezember 1999.
  9. Interview mit BBC, März 1977.
  10. Trauerrede von Felipe González am Oktober 1992 beim Staatsakt im Berliner Reichstagsgebäude.

Übersetzung: Baierlein, Willy-Brandt-Forum Unkel