26. September 1973: Willy Brandt spricht vor der UNO

Die Vereinten Nationen wurden am 24. Oktober 1945 von 51 Staaten gegründet, die sich dazu verpflichteten, den Frieden durch internationale Zusammenarbeit und kollektive Sicherheit zu erhalten. Heute gehören fast alle Staaten der Welt der UNO an.

Die erst im Jahre 1949 gegründeten beiden deutschen Staaten (Bundesrepublik Deutschland und DDR) waren wegen des verlorenen Krieges und der nachfolgenden Besatzungszeit zunächst nicht Mitglieder der UNO. Ihre Aufnahme erfolgte – im Zuge der Entspannungsbemühungen der neuen Ostpolitik – am 18. September 1973 als 133. und 134. Mitglied.

Auszug aus dem handschriftlichen Manuskript von Willy Brandt. Quelle: Willy-Brandt-Archiv im AdsD der Friedrich-Ebert-Stiftung.
Auszug aus dem handschriftlichen Manuskript von Willy Brandt. Quelle: Willy-Brandt-Archiv im AdsD der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Nun war die Existenz zweiter deutscher Staaten auch in der Weltgemeinschaft politische Realität. Der von der Bundesrepublik seit Mitte der 50er Jahre vertretene Alleinvertretungsanspruch („Hallstein-Doktrin“) war bereits mit dem Grundlagenvertrag von 1972 aufgegeben worden.

Als erster deutscher Bundeskanzler sprach Willy Brandt am 26. September 1973 vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen: „Wir sind nicht hierhergekommen, um die Vereinten Nationen als Klagemauer für die deutschen Probleme zu betrachten oder um Forderungen zu stellen, die hier ohnehin nicht erfüllt werden können. Wir sind vielmehr gekommen, um (…)weltpolitische Mitverantwortung zu übernehmen.“

Brandts Rede war geprägt von dem Bemühen um Entspannung, die Grundlage seiner Politik in Richtung Osten war. Mit einer „Politik der Verständigung“ war er bestrebt, „die Gräben des Kalten Krieges zuzuschütten.“ Nach vierjähriger Amtszeit hatte seine auf „Wandel durch Annäherung“ ausgerichtete Politik mit den Ostverträgen Früchte getragen. „Ich denke, es hat sich inzwischen gezeigt: Nicht nur Spannung, sondern auch Entspannung kann ansteckend sein. (…) Trotz unterschiedlicher Gesellschaftssysteme und politischer Ordnungen (…) haben die beiden deutschen Staaten beschlossen, eine Politik der friedlichen Nachbarschaft, des Nebeneinander und – wie wir hoffen – des Miteinander zu beginnen. Wir werden also versuchen, friedliche Koexistenz auf Deutsch zu buchstabieren,“ so Brandt in der Rede vor den Vereinten Nationen.

In der Rede verdeutlichte er einmal mehr seine Überzeugung, dass die Staaten immer mehr in gegenseitiger Abhängigkeit stehen und sie nicht allein für Frieden, Freiheit und Sicherheit sorgen können.

„In einer Welt, in der zunehmend jeder auf jeden angewiesen ist undjeder von jedem abhängt, darf Friedenspolitik nicht vor der eigenen Haustür haltmachen. Kleine Schritte können, wie die Erfahrung zeigt, recht weit führen… Die Nation findet ihre Sicherung nicht mehr in der isolierten Souveränität. (…) Wir brauchen den anderen und die anderen; wir brauchen die größere Gemeinschaft, die uns den Frieden, Sicherheit und damit Freiheit gewährt.“

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