Willy Brandt – Initiator des Tourismus auf Fuerteventura

von Klaus-Henning Rosen

Die Freude war groß, als um die Jahreswende 1972/73 der soeben wieder gewählte deutsche Bundeskanzler Willy Brandt mit seiner Familie zum Weihnachtsurlaub die spanische Insel Fuerteventura ansteuerte. Der als Sieger aus der Bundestagswahl  im November 1972 hervorgegangene neue Bundeskanzler war nach einem anstrengenden Wahlkampf gesundheitlich angeschlagen und hatte sich zur Behandlung seiner Stimmbänder in eine Klinik begeben müssen.

Der Versuch, mit Hilfe von Notizzetteln auf die laufenden Koalitionsverhandlungen einzuwirken, gelang nicht immer und wurde von den Verhandlern teilweise sogar konterkariert. Die Stimmung war deshalb  nicht zum Besten. Erholung sollte er in der Einsamkeit und Wärme der Kanaren finden. Der Tourismus dort wartete noch auf seine Entfaltung. Mehr als zwei meist von Deutschen besuchte Hotels  gab es noch nicht. Planungen eines deutschen Unternehmers für die von 6000 wilden Ziegen und einem Dutzend Fischern bevölkerte südliche Halbinsel Jandía  standen noch am Anfang. Willy Brandts Urlaub gedieh prächtig, nicht nur dank Ausritten zu Esel und Kamel.

Bei Angelausfahrten konnte der Hobbyangler  die fachmännischen Fischer durch sensationelle Fangerfolge beeindrucken. Naturgemäß ging es nicht ganz ohne Regierungsarbeit, obwohl die Funkverbindung zwischen der Region ohne Telefon und  Bonn vom Militär erst aufgebaut werden mußte. Die Erwartung, durch Willy Brandts Besuch könnte der Tourismus befördert werden,  sollte  aufgehen.

1990, als Deutschland wieder vereinigt wurde, war Tourismus  der  wichtigste Wirtschaftsfaktor der Insel. Die Bevölkerung der „Stillen Insel“, wie sie für sich wirbt, ist in den letzten 15 Jahren um ein Drittel gewachsen, aber außer bis zu 300 Sonnentagen, einer eindrucksvollen vulkanischen Landschaft und weiten Stränden hat sie keine spektakulären Angebote. Gleichwohl haben vor allem  viele Deutsche dauerhaft oder für die kalte Jahreszeit ihren Wohnsitz dorthin verlegt. Deshalb haben die Fuertevertenser ihren prominenten Gast nicht vergessen, der mit seinem Besuch vor 45 Jahren eine Schar von Fotografen  mitgebracht hatte, die Eindrücke von der Insel nach Deutschland vermittelten. Der Dank wurde jetzt mit einer zweitägigen Konferenz,  einer Ausstellung sowie der Einweihung des Paseo  Willy Brandt in Morro Jable bezeugt, wo er später noch, einmal. Urlaub machte. Höhepunkt war die Aufstellung einer  Plastik des kubanischen Künstlers Rafael Gómez, mit der es eine besondere Bewandtnis hat.

Zu Willy Brandts Begleitung gehörte damals der unlängst verstorbene STERN-Fotograf Robert Lebeck. Er hat den Bundeskanzler photographiert, wie er am Strand sitzend den Blick aufs Meer richtet und seinem Hund Bastian (böse Menschen sagen, der sei eine Mischung aus Dackel und Bernhardiner gewesen) den Kopf krault. Die Last, mit der Willy Brandt zum Urlaubsantritt nach Fuerteventura gekommen war, scheint von ihm abgefallen, er ruht in sich. Das Foto ist in Unkel im Willy-Brandt-Forums zu sehen (Foto).

Leider sollte Willy Brandts Erholung nicht von Dauer sein. Auf dem Rückflug eröffnete ihm  Außenminister Walter Scheel (FDP), der mit seiner Frau nach Fuerteventura gekommen war, er wolle  für das Amt des Bundespräsidenten  kandidieren, falls Gustav Heinemann nicht für eine zweite Amtszeit zur Verfügung steht. In seinen Erinnerungen schreibt Willy Brandt, Scheel habe bald danach darüber philosophiert, <ob und wie sich Gemeinsamkeiten in einer Koalition „verbrauchten“>. Kurz danach habe Scheel ihm geraten, er solle doch Bundespräsident werden. Willy Brandt lehnte ab, weil, wie er schreibt, „ich hielt mich mit meinen sechzig Jahren nicht für alt und im Vorsitz meiner Partei nicht für abkömmlich genug“. 

Im selben Jahr stimmte er dann der Kandidatur Scheels zwar zu, handelte sich aber den Vorwurf der SPD ein, weil er von der FDP – die angesichts eines bescheidenen Wahlergebnisses mit einem Drittel der Kabinettposten ohnehin bevorteilt war – nicht verlangte, im Gegenzug ein wichtiges Ressort, etwa das Innenministerium abzugeben. So kriselte es nicht nur in der Koalition wie auch in der Zusammenarbeit Willy Brandts mit der SPD. Die hoffnungsvolle Rückkehr aus Fuerteventura zur Arbeitsaufnahme in der neuen Koalition sollte alsbald mit der Enttarnung des DDR-Spions und am Ende mit Willy Brandts Rücktritt vom Amt des Bundeskanzlers ein wenig glückliches Ende finden.

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