„Weltdorf Unkel“
Festvortrag von Christoph Charlier
Vorsitzender Willy Brandt-Forum Unkel
beim Neujahrsempfang der Stadt Unkel
Samstag, 2. Januar 2016

I.
Es ist ein schöner Brauch, dass beim Neujahrsempfang der Stadt Unkel, nach der Verleihung der Ehrennadel an eine besonders verdienstvolle Persönlichkeit, die Gelegenheit besteht, auf ein Thema aus dem städtischen Leben einzugehen. Ich bedanke mich beim Bürgermeister und den Ratsfraktionen herzlich dafür, dass ich Ihnen heute aus der Arbeit des Willy Brandt-Forums berichten darf.
Am 20. März diesen Jahres wird das Museum zur Zeitgeschichte „Willy Brandt-Forum“ fünf Jahre alt. Das werden wir feiern und ich freue mich schon heute darauf, möglichst viele von Ihnen dabei begrüßen zu dürfen.
Was sind schon fünf Jahre? Das ist doch kein Alter für ein Museum! Stimmt, aber gerade Anfangsjahre sind nicht ohne Tücken. Da zahlt man Lehrgeld, aber man wird auch flügge. So viel wird man heute schon sagen dürfen: Das Willy Brandt-Museum ist aus Unkel nicht mehr wegzudenken.

II.
Das Willy Brandt-Forum ist eine rechtsfähige öffentliche Stiftung des bürgerlichen Rechts. Aufgabe der Stiftung ist die Pflege des Andenkens an Willy Brandt und sein Wirken für Freiheit, Frieden und Einheit des deutschen Volkes, (für) die Sicherung der Demokratie in Europa und die Förderung des Nord-Süd-Dialogs.
Bei der Einweihung gab uns der ehemalige spanische Ministerpräsident, Felipe González, der Lieblingsenkel Willy Brandts, folgendes mit auf den Weg: „Den Vorsitzenden der Stiftung möchte ich aufrufen, alles zu tun, dass das Willy Brandt-Forum ein wirkliches Dialog-Forum wird. Dass es sich so entwickelt, wie Willy Brandt als Mann des Dialogs es gewollt hätte. Und dass von Unkel ein globaler Effekt ausgehe, dass Unkel ein wirkliches Weltdorf wird. Denn wir leben im Zeitalter des global village, des Weltdorfs.“ Weltdorf Unkel? Das ist ein großes Wort. Und ein hoher Anspruch. Es ist aber auch erläuterungsbedürftig.

III.
Zunächst einmal ist Unkel eine Stadt und kein Dorf. Dass Willy Brandt ein Weltbürger war, wird hingegen niemand in Frage stellen. Aber wie passen beide zusammen?
Unter Weltbürger darf man Jemanden verstehen, der über den eigenen Tellerrand hinauszusehen vermag. Auch das wird man für Willy Brandt mit Fug und Recht annehmen dürfen. Dafür sorgte schon sein Lebenslauf. Als eine „unbehauste Jugend“ hat der in Lübeck unehelich Geborene seine ersten zwanzig Lebensjahre beschrieben. Von den Nazis wurde er 1933 ins Exil getrieben, in Norwegen und Schweden fand der Flüchtling Unterkunft und Auskommen. 1947 kehrte er in das zur Frontstadt gewordene Berlin zurück.
Die deutsche Frage hat ihn ein Leben lang nicht losgelassen. Als Außenminister und Bundeskanzler von 1966 bis 1974 konnte er die Weichen dafür stellen, dass 1989 die deutsche – und die europäische – Einheit wiederhergestellt werden konnte. Das war ein Glücksfall der Geschichte und einer für Willy Brandt. Was wir sehen können ist: Ein dramatischer Lebenslauf mit Höhen und Tiefen, ein beispielhaft aufrechter Gang durch ein Jahrhundert der Extreme. Daraus kann man lernen.

IV.
In den Unkeler Jahren von 1979 bis 1992 erlebte Willy Brandt das, was man seine „Vierte Karriere“ nennen könnte – nach der ersten des Journalisten, der zweiten des Bundestagsabgeordneten und der dritten des Außenministers und Bundeskanzlers. Als „Staatsmann ohne Staatsamt“ hat er nach dem Sturz sein internationales Prestige genutzt, um als Präsident der Sozialistischen Internationale und Vorsitzender der Nord-Süd-Kommission aktuelle Antworten auf die Fragen von Hunger und Krieg, von Entwicklung und Frieden zu suchen und diese auch zu finden.
Nach seinem Tod hat Brigitte Seebacher das private Arbeitszimmer Willy Brandts der Stadt zur Verfügung gestellt. Es ist das Herzstück unseres Museums, denn es veranschaulicht eine Seite, die zum Innersten seiner Person gehört. Willy Brandt hat Zeit seines Lebens geschrieben. Schon als Schüler verdiente er sich Zeilengeld beim „Lübecker Boten“. Im Exil bestritt er mit journalistischen Arbeiten seinen Lebensunterhalt. An dem Tisch, den wir im Museum zeigen, schrieb er seine Erinnerungen, die Summe seines Lebens. Der Stift, den er zuletzt benutzte, liegt darauf. Was Willy Brandt mitteilen wollte, tat er vor allem durch das geschriebene Wort.
Erinnerung braucht Anschauung. Bei uns kann man sie finden. Gibt es ein beredteres Zeugnis als diesen Schreibtisch, an dem Willy Brandt sein Leben reflektierte und in eine endgültige Form brachte?
Das Museum beherbergt viele solcher originalen Zeugnisse. Den Parlamentssitz Nr. 5 aus dem Bonner Bundestag, den goldenen Armreif, den er seiner Frau aus dem Basar von Bagdad nach der erfolgreichen Geiselbefreiung mitbrachte, das ebenso ausdrucksstarke wie polarisierende, viele auch irritierende Meistermann-Porträt …

V.
Menschen besuchen Museen, weil sie das Wahre, das Authentische suchen. Im Dezember diesen Jahres konnten wir die 25.000ste Besucherin begrüßen. Ist das viel? Ja, das ist viel!
Wir sind ein historisches Museum. Wir bieten keine Gassenhauer, keine Sensationen. Und wir verlangen fünf Euro Eintritt. Unser Standort ist kleinstädtisch, auf große Laufkundschaft dürfen wir nicht zählen. Und zählen, das tun wir penibel. Wir schätzen unsere Besucherzahlen nicht, auch das wäre ein durchaus übliches Verfahren. Wir verlassen uns nicht auf das Besucherbuch oder die Zählung per Hand. Wir zählen per Registrierkasse. Nur dieses Verfahren liefert verlässliche Angaben.
5.000 Besucher in fünf Jahren, in Folge, das zeigt, das Konzept, ein Personenmuseum in Unkel zu betreiben, geht auf, denn die Anziehungskraft Willy Brandts ist ungebrochen. Ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod sehen 22 Prozent der Deutschen in ihm ein Vorbild. Angeführt wird die Liste der Vorbilder von Mutter Teresa, die 39 Prozent für vorbildlich halten. Etwas anders sieht es aus, wenn RTL nach den beliebtesten Deutschen fragt. Da steht Loriot an der Spitze, gefolgt von Heinz Erhard. Willy Brandt kommt auch hier immerhin auf Platz 11. Die Erinnerung an Willy Brandt ist nicht verblasst. Vielmehr erscheint er heute posthum mehr Menschen als Vorbild als zu seinen Lebzeiten. Das ist unser Kapital, mit ihm können wir arbeiten.

VI.
Ich sagte eingangs, das Willy Brandt-Forum ist aus Unkel nicht mehr wegzudenken. Das hat seine guten Gründe und Ursachen. Ein Erfolgsfaktor für jedes Museum ist die feste Einbindung in die Heimatstadt. Museen wollen nicht länger abgehobene Kulturtempel sein, sondern eingebunden in die Gesellschaft. Und die Tatsache, dass der Stadtbürgermeister auch unser Kuratoriumsvorsitzender ist, machen wir uns gerne zunutze.
Wir sind auch gerne ein Lernort außerhalb des Schulgebäudes, wie beim jährlichen Vorlesetag der Realschule plus. Und wir freuen uns darauf, wenn Sie, liebe Gäste des Neujahrsempfangs, ihren Besuch zu uns schickten und am besten gleich mitkommen. Mit unseren Veranstaltungen greifen wir Themen auf, die aktuell sind, Themen, die Willy Brandt beschäftigten. Wir sind auch gerne Gastgeber für andere Veranstalter.
Das Willy Brandt-Forum hat einiges zu bieten, was über die fünfhundert Exponate, die sie im Museum finden können, hinausgeht. Ein zentrales Merkmal für die Attraktivität einer Stadt ist das dort vorhandene Kulturpotential. Kulturelle Einrichtungen erhöhen den Freizeitwert einer Stadt und spielen für die Wohnortwahl eine große, möglicherweise sogar die entscheidende Rolle. Ich meine, das Willy Brandt-Forum passt perfekt zur Marke „Kulturstadt Unkel“, ja, es setzt ihr ein besonderes Licht auf.
Das ist nicht alles. Die durchschnittlichen Ausgaben eines Tagesbesuchers außerhalb des Museums belaufen sich auf 23,50 Euro. Diese Schätzung lag der Planung für das im November 2015 eingeweihte Fußballmuseum in Dortmund zugrunde. Wie hoch der Betrag tatsächlich sein mag, den Besucher des Willy Brandt-Forums in Unkel lassen, mag offen bleiben. So viel aber ist sicher. Die wenigsten, die unser Haus besuchen – und wir haben ein großes Einzugsgebiet -, bringen ihre Getränke und Stullenpakete im Rucksack von Zuhause mit. Gastronomie und Einzelhandel wissen es zu schätzen.

VII.
Ohne Ehrenamt gäbe es kein Museum, dieses erst recht nicht. Es wird komplett ehrenamtlich geführt. Das ist der wichtigste Erfolgsfaktor.
Das Willy Brandt-Forum ist an sechs Tagen geöffnet, vormittags und nachmittags. Das tun die wenigsten. Die Hälfte der Museen in Deutschland hat nur tageweise geöffnet. Viele, wie das Siebengebirgsmuseum, nur nachmittags. Manche, wie das Weltmuseum der Druckkunst in Mainz, müssen früh schließen, sonntags um drei. Das Willy Brandt-Forum hatte im Jahr 2015 exakt 2.304 Stunden geöffnet. Wollte die Stadt diese Leistung erbringen, müsste sie zwei Personen einstellen. Die Personalkosten für eine Vollzeitstelle darf man mit 70.000 Euro kalkulieren. Weiter brauche ich nicht zu rechnen.
Damit ist es nicht getan. Viele Besucher wünschen eine Führung. Die bekommen sie. Seit der Eröffnung des Forums gab es genau 518 Führungen. Und glauben Sie mir, dafür muss man sich gut präparieren. Fast jeder unserer Besucher ist oder fühlt sich als ein Willy Brandt-Experte.
Viel geschieht hinter den Kulissen, ohne dass man es direkt sieht, aber getan werden muss es trotzdem: Für rund ein Dutzend Veranstaltungen im Jahr sind Auf- und Abbauarbeiten erforderlich. Öffentlichkeitsarbeit, Werbung, Pflege des Internetauftritts, Kassenführung, Abrechnungen, Kontaktpflege. Da gehen viele Stunden drauf.
Das alles leisten unsere 28 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ehrenamtliche sind eine kostbare und ertragreiche Quelle an Zeit, Energie und – nicht zuletzt – Talent.
Jeder und jede Einzelne von ihnen hätten es verdient, persönlich vorgestellt zu werden. Viele von Ihnen sind heute hier, nutzen Sie die Gelegenheit zum Gespräch.

VIII.
Ehrenamt hat viele Gesichter. Sehen Sie sich um. Ist überhaupt jemand hier, der nicht ehrenamtlich engagiert wäre? Ob im Verein, in der Kirchengemeinde, ob in privaten Initiativen, in Selbsthilfegruppen, in Wohlfahrtsverbänden und in Rettungsdiensten – überall finden wir diese Form von gelebter Selbstverantwortung. Diese lebendige Vielfalt ist der Ausdruck einer großen Bereitschaft, nicht nur an das eigene Fortkommen, sondern auch an das Wohl der Mitmenschen zu denken.
Ein Gemeinwesen kann nur wachsen und gedeihen, wenn viele Bürgerinnen und Bürger in ihm Verantwortung für sich und für andere übernehmen. Ein Gemeinwesen lebt von der gegenseitigen Verpflichtung, von Engagement und Hingabe. Ehrenamtliches Engagement taucht in keiner Bilanz auf. Aber es geht eine Kraft von ihm aus, von der wir alle leben.
Ehrenamtliches Engagement ist aber nicht nur ein Geben, es ist auch ein Nehmen, ein „Beschenktwerden“. Wer sich für eine gute Sache engagiert, geht nicht nur einer sinnvollen Freizeitbeschäftigung nach. Wer sich für andere stark macht, bereichert auch die eigene Persönlichkeit. Er wächst an seiner Aufgabe und gewinnt an Einfühlungsvermögen.
Unser Gästebuch ist eine Fundgrube solcher Dankeschöns. Am 16. Dezember schreibt ein Besucher aus Mannheim. „Ein kleines unprätentiöses, sehr persönliches Museum über einen visionären Politiker. Vom Kniefall in Warschau führt ein direkter Weg der Menschlichkeit zur Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen. P.S. Ein Dank an die Ehrenamtlichen, die eine solche Einrichtung stemmen.“
Wir wissen alle, ich wiederhole das gerne, dass wir auf das freiwillige Engagement nicht verzichten können. Ich will aber genauso deutlich sagen. Ehrenamt ist kein Lückenbüßer. Und, zum Nulltarif ist es auch nicht zu haben. Ehrenamt braucht Anlaufstellen in der Verwaltung und es braucht personelle Unterstützung. Nicht zuletzt braucht es eine Kultur der Anerkennung und Wertschätzung.

IX.
Unkel hat die große Chance sein Profil als Kulturstadt weiter zu schärfen. Das soll – abschließend – mein Wunsch für das Jahr 2016 sein. Wenn ich es richtig sehe, stehen die Chancen gut, dass Unkel wie schon Linz, Andernach, Ahrweiler, Cochem oder Westerburg in das Programm der Stadtsanierung Abteilung „Historische Stadtbereiche“ aufgenommen wird. Und auch das sogenannte LEADER-Programm bietet eine Fülle von Möglichkeiten der kulturellen Profilierung.
Das Willy Brandt-Forum will sich an diesem Prozess beteiligen. Viele andere sicherlich auch. Wir tun dies, indem wir weiter an unserer Vision vom „Weltdorf Unkel“ arbeiten.
Am 6. August 2015 schreibt Catherine Quesada aus San José in Costa Rica in unser Gästebuch: „Es war mir immer ein Anliegen diese Gedenkstätte zu besuchen und alte Erinnerungen an den bedeutenden Politiker und Menschen Willy Brandt aufzufrischen. In Costa Rica war sein Besuch im Oktober 1984 für unser Land eine besondere Ehre. Danke für ein besonderes Erlebnis in diesem wunderschönen Städtchen am Rhein.“ Die Tränen stiegen ihr dann in die Augen, als sie entdeckte, dass auch heutige Politiker aus ihrer mittelamerikanischen Heimat das Unkeler Museum besuchten.
Genau das ist es, was das „Weltdorf Unkel“ sein will und sein kann. Die moderne Welt ist durch die globale Vernetzung zu einem Dorf zusammengewachsen. Internet und Handy verbinden die entlegensten Regionen, von jetzt auf gleich. So können Brücken geschlagen werden. Der Dorfbewohner holt sich die Welt ins Haus. Er wird weltläufig, vielleicht sogar zum Globetrotter. Und doch muss er auf die Vorteile von Nähe und Vertrautheit, Nachbarschaft und Freunde, auf den Wunsch Wurzeln zu schlagen, nicht verzichten.
An dieser Vision des „Weltdorfs Unkel“ wollen wir arbeiten. Gewiss, da ist noch viel Luft nach oben. Aber ein Anfang ist gemacht. Auf ein gutes Jahr 2016.

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